Aus der Geschichte lernen
Wer sich mit der Geschichte der Braunschweiger Arbeiterbewegung vor 1933 zu finden, in denen das politische Geschehen schriftlich beschäftigt kann sich glücklich schätzen, Dokumente aus der Zeit festgehalten worden ist, wie z. B. im Protokoll des KPD-Bezirksparteitag Niedersachsen Dezember 1932 (siehe Fußnote 1 am Ende). Es umfasst den Zeitraum 1930 bis 1932. Wir beschränken uns in diesem Artikel auf Braunschweig und die Bezüge zum Freistaat.
Das Leitmotiv des Protokolls und Ziel der Konferenz war
ROTER VORMARSCH IM BEZIRK NIEDERSACHSEN“
Sehr konkret ist die Arbeit der KPD-Landtagsabgeordneten zu verfolgen, auf die die Genossen Paul Gmeiner und Ernst Winter als Braunschweiger Delegierte starken Einfluss genommen haben.
Paul Gmeiner
(von
Ernst Winter haben wir kein Bild finden können)
Die KPD diskutiert die Infrastruktur im Land, erkennt Kriegsvorbereitungen und äußert sich besorgt:
Allein wegen seiner geographischen Lage hat der Bezirk Niedersachsen große strategische Bedeutung. ... Fünf wichtige Eisenbahnlinien von Nord nach Süd, von Ost nach West ... Besonders im Hinblick auf den imperialistischen Krieg sind die Flughäfen im Bezirk Niedersachsen als die von den Grenzen am weitesten entfernt liegenden von außerordentlicher Bedeutung.“ ...
Im Gebiet Niedersachsen konzentriert sich eine sehr wichtige Industrie, die ohne große Schwierigkeiten auf die Kriegsproduktion umgestellt werden kann. Hier waren bereits während des Weltkrieges wichtige Knotenpunkte der Munitionslieferung und der Kriegsproduktion. Diese Betriebe haben im Hinblick auf die neuen imperialistischen Kriegsvorbereitungen noch an Bedeutung gewonnen. Es bedarf keiner eingehenden Darlegung, welche entscheidenden Aufgaben sich in einem imperialistischen Krieg oder bei Interventionskriegen (gegen die Sowjetunion) für das revolutionäre Proletariat Niedersachsens bei dieser strategischen Lage ergeben.“
Zur Entwicklung einer revolutionären Kampffront wird kritisch analysiert:
Das Gebiet Niedersachsen stellt kein einheitliches Wirtschaftsgebiet dar. Allein politisch gesehen, gliedert es sich in die Gebiete Preußen, Freistaat Braunschweig und Freistaat Lippe. Ökonomisch ist es sowohl in agrarischer wie in industrieller Hinsicht außerordentlich zerklüftet und uneinheitlich. Diese Verschiedenheit in der Struktur des Gebietes kompliziert die Aufgaben und hemmt die Entwicklung der revolutionären Kräfte.“
Eine große Sorge wird angesichts der Krise im Anwachsen der faschistischen Bewegung festgehalten:
Die kapitalistische Wirtschaftskrise wirkte sich im Gebiet Niedersachsen in außerordentlich starkem Ausmaße aus. Viele Industrien brachen zusammen. ... Diese Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaftskrise und ihrer Auswirkungen erklären bei der Schwäche der Partei auch die besondere Stärke der faschistischen Bewegung im Gebiet Niedersachsen.“
Braunschweig als Industriestadt bildete eine Ausnahme: hier hatte sich eine hochmotivierte Arbeiterklasse entwickelt, die KPD nahm den Kampf gegen den Faschismus auf. Aber dazu später.
Krise - Faschismus
In der Analyse wird weiter selbstkritisch festgestellt, daß die außerordentlich schwache Kommunistische Partei in Niedersachsen bis 1930 außerstande war, der faschistischen Entwicklung einen Damm entgegenzusetzen. Darauf sei das außerordentlich starke Anwachsen der faschistischen Reaktion zurückzuführen, was bei der Landtagswahl im September 1930 zur Regierungsbildung durch Nazis und Deutschnationale geführt habe.
Der Bezirk Niedersachsen der nationalsozialistischen Partei gehöre zu den Bezirken mit dem stärksten Einfluß. Im Juli 1932 habe die Nazipartei rund 673. 000 Stimmen erhalten und sei eine der Hochburgen der nationalsozialistischen Bewegung.
Festgestellt wird:
... Jahrelange erbitterte innerparteiliche Auseinandersetzungen beherrschten das gesamte Leben der Partei und machten jeden entscheidenden Vorstoß und Durchbruch unmöglich. Der erbitterte Kampf gegen die Rechten, der noch erbittertere Kampf gegen die Ultralinken, ... beherrschte das Leben der Parteiorganisation.“
Die Partei wird herumgerissen!
Das Zentralkomitee der Partei machte mit diesem Zustand Schluss. Die strategische Bedeutung des Bezirks war erkannt und in der Leitung die Veränderungen vorgenommen worden, die zur Durchsetzung der Parteibeschlüsse erforderlich waren. Mit der Übernahme des Bezirks im Frühjahr 1930 durch den Genossen John Schehr trat der Wendepunkt in der Entwicklung der Bezirksorganisation ein:
Alle der Kommunistischen Internationale angeschlossenen Parteien müssen um jeden Preis die Losungen: Tiefer hinein in die Massen! Engere Fühlung mit den Massen! in der Praxis wahr machen, wobei unter den Massen zu verstehen ist: Die Gesamtheit der Werktätigen und vom Kapital Ausgebeuteten, besonders derjenigen, die am wenigsten organisiert und aufgeklärt, am stärksten unterdrückt und organisatorisch am schwersten zu erfassen sind. ...
Zum ersten Mal in der Geschichte der KPD Niedersachsens nahmen an diesem Parteitag sozialdemokratische Arbeiter teil, und zwar zwei aus Geitelde und vier aus Oldau. ...Die Mehrheit der führenden Funktionäre hielten die Gewinnung von SPD-Arbeitern für aussichtslos. Es wurde ihnen das Gegenteil bewiesen und damit ein entscheidender Schritt in der Überwindung der Hemmnisse bei der Gewinnung von sozialdemokratischen Arbeitern getan.

Wendung zur Massenarbeit!
Der Bezirksparteitag stellte sehr ernst und sehr konkret die Fragen der Wendung zur Massenarbeit. ... In der Durchsetzung der Beschlüsse des Bezirksparteitages und seiner Weisungen vollzog sich der große rote Vormarsch der Kommunistischen Partei Niedersachsen.“
In der Durchführung dieser Offensive stellten wir in den Mittelpunkt die Frage des wehrhaften Abwehrkampfes gegen den faschistischen Terror. Als am 5. Juni 1930 anläßlich einer öffentlichen Versammlung der SPD in Wolfenbüttel die Nazis einen Überfall durchführten (ein Arbeiter, Vater von 9 Kindern tot, ein Arbeiter schwerverletzt), stellte die Partei zum ersten Male die Fragen der Einheitsfront gegen den faschistischen Terror.
Neue faschistische Überfälle in Blankenburg und Schöningen förderten unsere antifaschistische Einheitsfrontbewegung. Als dann am 5. August der Überfall auf das Gewerkschaftshaus in Göttingen, am 23. August der Sprengstoffanschlag auf das Gewerkschaftshaus Hannover und der Mord an dem Jungarbeiter Jordan, Hannover, kam, gab uns das Veranlassung, die Frage des gemeinsamen antifaschistischen Kampfes im gesamten Bezirk aufzurollen. Hier lernte die Parteiorganisation praktisch das linke Sektierertum in den eigenen Reihen zu überwinden und die Wendung zur Massenarbeit durchzuführen.“
Der Naziaufmarsch am 2. September in Braunschweig, unter dem Schutz der SPD-Regierung, ... wurde zur weiteren Verstärkung der Arbeit für die Gewinnung der sozialdemokratischen Arbeiter, zur Verstärkung des Kampfes ... ausgenutzt.“
Aus dieser Sachlage zog die Partei Konsequenzen:
Braunschweig als Zentrum"
Eine gründliche Untersuchung der bezirklichen Lage, das Suchen nach dem Kettenglied, mit dem die Partei die ganze Front aufreißen konnte, führte zu der Entscheidung: Braunschweig ist das Zentrum, der Ausgangspunkt für die politische Offensive der Partei in Niedersachsen. Nach der Landtagswahl vom 14. September 1930 war hier eine Regierung aus Nationalsozialisten und Deutschnationalen zustande gekommen. Diese Regierung der faschistischen Reaktion versuchte Braunschweig zu einem faschistischen Zentrum auszubauen, die Arbeiterklasse und die Werktätigen in Stadt und Land zu knebeln.
Die KPD schritt in der Fortführung ihres vor der Reichstagswahl besonders im Freistaat Braunschweig aufgenommenen antifaschistischen Kampfes im verstärkten Maße fort. Die Bezirksleitung beschloss, die antifaschistische Bewegung durch die Organisierung eines Volkskongresses gegen den Faschismus in Braunschweig in Verbindung mit einem Kampfaufmarsch für den 22. Februar (Anm.: 1931) zu organisieren. ...“
Dieser Kampfaufmarsch der KPD wurde von Naziminister Franzen verboten. Die Partei antwortete auf das Verbot mit der Organisierung von 5 Aufmärschen im Lande Braunschweig.
Hitler und der Stahlhelmführer Seldte kündigten ihr Erscheinen an. Die Bezirksleitung war sich darin einig, daß hier eine erste größere Auseinandersetzung stattfinden würde, die für die weitere Entwicklung von entscheidender Bedeutung war. Die Partei mobilisierte alle ihre Kräfte und rief die Arbeiterschaft Braunschweigs zur Verteidigung der Arbeiterviertel auf. Die SPD-Führer kapitulierten. Der sozialdemokratische „Volksfreund“ erklärte am 16. Februar: „Wir fügen uns dem Verbot. ...“
Im Protokoll heißt es dazu weiter: „Die Bezirksleitung sah hier eine erste größere Auseinandersetzung und ... rief die Arbeiterschaft Braunschweigs zur Verteidigung der Arbeiterviertel auf. ... Der 22. Februar wurde zu einem entscheidenden Tag in der Entwicklung unserer antifaschistischen Einheitsfront. Es kam zu wuchtigen Gegendemonstrationen gegen die SA-Banden. Der Fackelzug am 21. wurde gesprengt; der Sonntag brachte zahlreiche blutige Zusammenstöße, die Nazis mußten auf dem Durchmarsch durch die Arbeiterstraßen, in denen die kommunistischen, sozialdemokratischen und parteilosen Arbeiter die Einheitsfront geschlossen hatten, verzichten. Die Partei führte eine illegale Demonstration von 1000 Mann durch. ...
Diese erste große antifaschistische Einheitsfrontaktion der Partei führte zur Bildung von antifaschistischen Straßenschutzstaffeln.“ ...
Man schrieb den 18. März 1931, als das Kommunalparlament ... zu seiner ersten Sitzung zusammentrat. Unmittelbar nach der Eröffnung der neugewählten Stadtverordnetenversammlung erklärte Hermann Behme, der Vorsitzende der KPD-Fraktion, „dass die Stadtverordneten der KPD mit den Stadtverordneten der SPD zusammengehen und dafür sorgen werden, dass kein Nazi oder Bürgerlicher das Präsidium übernimmt und auch verhüten werden, dass diese in die Ausschüsse kommen.“
Dieser öffentlichen Verlautbarung des KPD-Mandatsträgers zu einem mit der SPD koordinierten Abstimmungsverhalten in Personalfragen waren ein Gesprächsangebot der SPD und entsprechende Verhandlungen - auch über Sachfragen - vorangegangen.
Das Ergebnis der Absprachen stellte einen in der Endphase der Weimarer Republik bis dahin einzigartigen Vorgang dar. Die KPD gab erstmals den von der verhängnisvollen „Sozialfaschismus“-These abgeleiteten Grundsatz auf, unter allen Umständen nur für eigene, nicht für sozialdemokratische Magistrats- bzw. Stadtratskandidaten zu stimmen. Dies geschah - auch wenn die „Sozialfaschismus“-These selbst damals noch nicht als falsch und schädlich verworfen wurde - im Interesse der gemeinsamen Abwehr der NSDAP. Dieses Ziel war auch der wesentliche Beweggrund für das beinahe sensationelle Gesprächsangebot der Braunschweiger SPD gewesen.“
zitiert aus: Hans-Peter Klausch, Hermann Bode (1911-1944): Ein Braunschweiger Stadtverordneter im Kampf
gegen Faschismus und Krieg, 1999, trafo-Verlag, S. 24-25
Zur weiteren Entwicklung des antifaschistischen Kampfes und Mobilisierung der Massen wurden weitere Maßnahmen beschlossen, u.a. einen Volksentscheid zur Auflösung des Braunschweigischen Landtages als Mittel zur gesteigerten Entfaltung des außerparlamentarischen Kampfes durchzuführen. Einer der Gründe wird in der Tagung der
Harzburger Front“ am 11.10.1931, erkannt.
Zwei Wochen später ruft John Schehr zum Kriegszug gegen Hunger und Not auf:
Signatur: H XVII: 0016.0025 / Stadtarchiv Braunschweig, H XVII: 0016.0025
Das zweite wichtige Dokument, ist eine Broschüre der VVN-Geschichtskommission, die Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts herausgegeben wurde, und in der noch lebende Zeitzeugen festgehalten haben, was vor 93 Jahren geschah:
Verbrechen an braunschweiger Arbeiter“,
herausgegeben von der Geschichtskommission der VVN/Bund der Antifaschisten, Kreisvereinigung Braunschweig.
Redaktion: Erich/Hans Wüstemann, Paul Wunder, Gerda Berndt
Die Zusammentragung der Dokumente besorgte Robert Seeboth, Wolfenbüttel
Die Erzählenden haben den Faschismus erlebt, erleiden müssen, ihr Bericht ist authentisch. Im Vorwort haben sie vorangestellt:
Seit Jahrzehnten wird der 4. Juli von der Braunschweiger Arbeiterschaft als ihr Gedenktag gefeiert. Es ist der Tag, an dem der deutsche Hitlerfaschismus der organisierten Arbeiterbewegung in Braunschweig blutende Wunden schlug und elf ihrer besten Söhne in Rieseberg ermordete.“
Der Massenmord in Rieseberg am 4. Juli 1933 ist das schreckliche Ergebnis einer Politik, die durch bestialischen Terror, Zerschlagung aller Organisationen der Arbeiterklasse sowie auch Kultureinrichtungen des Bürgertums zur Macht kommen konnte. Der Faschismus wurde im Interesse der Banken und Großkonzerne legalisiert, der Widerstand gebrochen, der Weg zur ungehemmten Profitmaximierung war frei. Hitlers Ziele waren bekannt. „Am 11. Oktober 1931 tagte in Bad Harzburg die „nationale Opposition“. Auf dieser Konferenz war so ziemlich alles vertreten, was in Deutschland an Reaktionären, Antikommunisten, Republik- und Demokratiefeinden aufzugabeln war“ schrieb Robert Gehrke als Zeitgenosse und Verfolgter (siehe Fußnote 2).
Bereits am 24. August 1930 wird Ernst Thälmann in der „Rote Fahne“ zitiert:
Die Faschisten (Nationalsozialisten) behaupten, ihre Bewegung richte sich gegen den Imperialismus. In Wirklichkeit aber treffen sie Abkommen mit den Imperialisten (England, Italien). Sie wenden sich gegen den Freiheitskampf der Kolonialvölker (Indien, China, Indochina), verlangen für Deutschland Kolonien und hetzen zu neuen Kriegen, vor allem zur Intervention gegen die Sowjetunion, das einzige Land, dessen siegreiche Arbeiterklasse sich gegen alle Überfälle des Weltkapitals, gegen alle Raubzüge der Versailler Imperialisten siegreich mit Waffengewalt verteidigt hat. Überall, wo der Imperialismus unterdrückte Volksmassen knechtet, würgt und niederschießt, wirken die deutschen Faschisten durch ihre Vertreter mit: in China durch die Kapp-Putschisten Wetzel und Kriebel, in Südamerika durch die Militärmission des Generals Kuntz, in Österreich durch den Liebknecht-Mörder Papst.“
In der Broschüre „Verbrechen an braunschweiger Arbeiter“ heißt es:
Auf der Tagung der ‚Harzburger Front‘ gab Hitler den anwesenden Vertretern des deutschen Industriekapitals, den Banken und den Großgrundbesitzern die Zusicherung, nach seiner Machtübernahme die Gewerkschaften zu zerschlagen und eine Neuformierung der arbeitenden Menschen zu Gunsten des Großkapitals durchzusetzen.
Eine neue, nationalsozialistische Betriebsorganisation würde unter dem Gedanken einer „Volks- und Schicksalsgemeinschaft“ den Klassenkampf abschaffen und somit den Betriebsfrieden, auch bei Niedrigstlöhnen, sichern.
Um sein Endziel, die Liquidierung des Marxismus in Deutschland und in der Welt zu erreichen und im Osten Europas für Deutschland den größten Lebensraum zu gewinnen, sei die Disziplinierung der Arbeiter in den Betrieben erstes Gebot. Nur so könne ein reibungsloser Ablauf der geplanten Aufrüstung für den 2. Weltkrieg gesichert werden.
Volle Zustimmung fanden diese Thesen bei dem deutschen Großkapital; waren ihnen doch bei einer von den Nationalsozialisten unterdrückten Arbeiterklasse und der in Aussicht gestellten Aufrüstung Höchstprofite sicher. Für diese Ziele beschlossen sie, Hitler und seine NSDAP erneut finanziell und politisch bis zur „Machtübernahme“ zu unterstützen. Um den anwesenden Vertretern des deutschen Großkapitals die Härte seiner SA und SS zu demonstrieren, wurde in Braunschweig zum 18.10.1931 der Aufmarsch der 100.000 organisiert.
Nach der Landtagswahl vom September wurde in Braunschweig am 1.10.1931 eine neue Regierung gebildet. Der Deutschnationale Dr. Küchenthal verließ mit seiner Partei den Boden der parlamentarischen Demokratie. In seiner Regierung wurde zum ersten Mal im Lande Braunschweig der Nationalsozialist Franzen Minister. Franzen wurde am 15.09.1931 von dem berüchtigten Dietrich Klagges abgelöst, der Hitler mehr Gewähr für seine faschistischen Ziele bot.“ (siehe Fußnote 3)
SA-Aufmarsch 1931 in Braunschweig
In Braunschweig wurde damit der Boden geschaffen, um bei dem Aufmarsch der 100.000 den Terror gegen die Wohngebiete der Arbeiterschaft durchzuführen. Schon am Vorabend des Aufmarsches herrschte der Terror.
Aus einer Gewerkschaftsversammlung kommend, wurden auf dem Hagenmarkt die Kollegen Pfeiffer und Fischer (siehe Fußnote 4) von einem größeren Trupp SA-Männern überfallen, wobei Fischer erschlagen wurde. Am Tage des Aufmarsches wurde auf dem Klint der Arbeiter Engelke erschossen. ...
Das Maß war voll.
Die besonderen Anstrengungen der KPD unter der Anleitung des ersten Vorsitzenden im Bezirk Hannover-Braunschweig, Jonny Schehr, richteten sich auf die Braunschweiger Betriebe. In ständigen Aussprachen mit Gewerkschafts- und Betriebsfunktionären wurden die Grundlagen für die größte und breiteste in Aktionseinheit durchgeführte Protestaktion im ganzen Reich anlässlich der Einäscherung der beiden Toten geschaffen. Die Belegschaften der MIAG und der Braunschweiger Maschinenbauanstalt gingen als erste aus dem Betrieb. Ihnen folgten die gesamten Betriebe und große Teile der Bevölkerung. Noch nie war in der Stadt Braunschweig eine solch große Massenbewegung zum Protest gegen die Mordbanden der Faschisten angetreten.

Trotz des von Minister Klagges erlassenen Redeverbots vor dem Krematorium, sprach Jonny Schehr von der Freitreppe des Krematoriums aus zu der Braunschweiger Arbeiterschaft, darunter viele Frauen und Jungarbeiter und forderte sie zum gemeinsamen Handeln gegen den Faschismus auf. Die braunschweiger Gewerkschafter und Antifaschisten schützten ihn durch einen festen Wall untergehakter Arbeiter vor dem Zugriff der Klagges-Polizei. Auf dem Rückweg vom Krematorium zur Stadt ging berittene Polizei gegen die Demonstranten vor.
Im Verlauf der Regierungstätigkeit von Klagges zu Beginn der Hitlerherrschaft wurde der Terror im Lande Braunschweig bis zum Mord in Rieseberg gesteigert.
*
Fazit:
Gegen die Missachtung ihrer Interessen entwickelte die seit Jahrzehnten organisierte Arbeiterschaft Widerstand.
Hitler zerschlug am 2. Mai 1933 die Gewerkschaften. An ihrer Stelle wurde der Arbeiterschaft die „Deutsche Arbeitsfront“ aufgezwungen. Das dem deutschen Großkapital in Harzburg gegebene Versprechen wurde von ihm erfüllt. Angesichts dieser Lage beschloss die Führung der NSDAP mit der gesamten Partei und der Deutschen Arbeitsfront die nationalsozialistische Eroberung der Betriebe.
Ab März 1933 (letzte Betriebsratswahlen, seit 24.3. Ermächtigungsgesetz) wurden die Parteivorstände der KPD bereits in Gefängnissen und Zuchthäusern aufs Schwerste gefoltert, um ihnen fingierte Geständnisse zu entlocken, bzw. Genossinnen und Genossen zu verraten. Ziel war, den Widerstand zu brechen und die Arbeiterschaft für die faschistischen Ziele gefügig zu machen.
Die Entwicklung bestätigte ihre vorausschauende Einschätzung.
*
Im zweiten und letzten Teil werden die Kameradinnen und Kameraden der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) weiter über die Entwicklung des terroristischen Geschehens in Braunschweig berichten, wie sie es in der Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts in der oben erwähnten Broschüre niedergeschrieben haben:
Verbrechen an braunschweiger Arbeiter“
Fußnoten
1 Das historische Niedersachsen umfasste den Freistaat Braunschweig und Teile der preußischen Provinz Hannover (wikipedia)
2 Robert Gehrke: „Aus Braunschweigs dunkelsten Tagen“, Seiten 27-32
3 Dietrich Klagges: seit Oktober 1930 Innenminister des Freistaates und hat die SA als Hilfspolizei eingeführt
4 Heinrich Fischer, Braunschweig
Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes / Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten,
- Kreisvereinigung Braunschweig -
AUS DER GESCHICHTE LERNEN
In diesem zweiten und letzten Teil berichten Kameradinnen und Kameraden der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) in dieser Fortsetzung in einer Broschüre weiter über die
„Verbrechen an braunschweiger Arbeiter“
Herausgeber: Geschichtskommission der VVN/Bund der Antifaschisten Kreisvereinigung Braunschweig
Redaktion Erich/Hans Wüstemann, Paul Wunder, Gerda Berndt
Die Zusammentragung der Dokumente besorgte Robert Seeboth, Wolfenbüttel
SS-TERROR GEGEN ARBEITER BEGINNT
In Braunschweig wurde mit Unterstützung braunschweiger Industrieller das Blatt der NSDAP, die „Braunschweiger Tageszeitung“, am 22.11.1932 gegründet und finanziert, um die Nazipropaganda durch die Tageszeitung und einer Flut von Flugblättern auf volle Touren zu bringen.
Nach der „Machtübernahme“ der NSDAP im Januar 1933 zerschlug Hitler am 2. Mai 1933 die Gewerkschaften. Das dem deutschen Großkapital in Harzburg gegebene Versprechen wurde von ihm erfüllt. Mit dem geraubten Arbeitervermögen der Gewerkschaften wurde die „Deutsche Arbeitsfront“ am 1. Mai 1933 als neue nationalsozialistische Organisation der Arbeiterschaft aufgezwungen.
Unter diesen Bedingungen wurde den Besitzern der Produktionsmittel das alleinige Diktat in den Betrieben zugesprochen. Die NSDAP erwies sich damit als Erfüllungsgehilfe der Interessen des deutschen Großkapitals aller Schattierungen.
Gegen die Missachtung ihrer Interessen entwickelte die seit Jahrzehnten organisierte Arbeiterschaft den Widerstand.
Angesichts dieser Lage beschloss die Führung der NSDAP mit der gesamten Partei und der Deutschen Arbeitsfront die nationalsozialistische Eroberung der Betriebe.
STRAFEXPEDITION GEGEN MIAG-ARBEITER

Welch grausame und unmenschliche Methoden hierbei angewandt wurden wird am Beispiel eines braunschweiger Betriebes, der MIAG, erkenntlich.
Der Hass der NSDAP und ihrer SA und SS unter Ministerpräsident Klagges und SS-Obergruppenführer Jeckeln galt der Belegschaft dieses Betriebes, weil:
1. die Arbeiter in diesem Betrieb zu 70 % gewerkschaftlich organisiert waren,
2. der Betriebsrat, 4 Kommunisten und 7 Sozialdemokraten, sich entschlossen für die von der Gewerkschaft erkämpften Arbeiterrechte gemeinsam einsetzte,
3. die Betriebsgruppen der SPD und KPD sich über parteipolitische Interessen hinweg zu gemeinsamen Aktionen der Belegschaften zusammenfanden.
Hierzu der Bericht eines gewerkschaftlichen Vertrauensmannes der MIAG, des Schlossers Paul Wunder:
Paul Wunder
„Ende der zwanziger Jahre erstarkte die Betriebszelle der KPD und gewann bis 1933 zunehmend an Einfluss. Durch die Verschlechterung der politischen und wirtschaftlichen Lage wurde auch im Betrieb der Druck auf die Arbeiter immer stärker. Das drückte sich aus in Antreiberei, Schimpferei, bis zur Drohung: „Wenn Sie nicht sofort mehr leisten, dann fliegen Sie!“. Bei dieser Lage war klar, daß sich die Kollegen immer mehr den kommunistischen Vertrauensleuten anschlossen, weil sie sich im Betrieb als unbestechliche Vertreter von Arbeiterinteressen bekannt waren. So z.B. Hermann Behme und Hermann Altenhoff.
Dieses Eintreten für Verbesserungen der Lage der Arbeiter führte bei den Betriebsratswahlen 1931 dazu, dass Hermann Behme nach dem Übertritt des sozialdemokratischen 1. Betriebsratsvorsitzenden, Paul Kroll zur KPD, die meisten Stimmen bekam und 1. Betriebsratsvorsitzender der MIAG wurde. Nachdem er auch in den Rat der Stadt gewählt worden war, wurde Hermann Behme zunehmend der führende Kopf des Betriebsrates. Die politische und gewerkschaftliche Arbeit des Betriebsrates wurde auch unter dem Druck des Hitlerfaschismus bis zur Neuwahl des Betriebsrates im März 1933 weitergeführt.
Die Liste der KPD wurde angeführt von Hermann Behme und 14 anderen Genossen, auch ich war darunter. Die SPD-Liste wurde angeführt von Kurt Horney (der nach 1945 Erster Bevollmächtigter der IG Metall Bezirk Braunschweig wurde). Bei der Neukonstituierung des Betriebsrates wurde die KPD ausgeschlossen. Der SPD gestattete man die Teilnahme. Aber sie erhielt genau wie die KPD durch den Betrug der Nazis keinen Sitz und keine Stimme.
Dieses war der Beginn der sogenannten Gleichschaltung.
In einem Flugblatt protestierte die KPD gegen diesen Wahlbetrug. Daraufhin wurden alle kommunistischen Betriebsratskandidaten eines Tages Ende März in den Mittagsstunden verhaftet und in den „Volksfreund“ gebracht. Dort wurden wir von dem damals berüchtigten SS- Sturmführer Weber verhört und mißhandelt. Die Nazis wollten wissen, wer das Flugblatt gemacht, wer es verteilt hat und wer die politische Arbeit in dem Betrieb weiter macht. Nichts haben sie erfahren, trotz der Schläge mit der Peitsche. Nach den brutalen Mißhandlungen mussten die festgenommenen Kollegen wieder freigelassen werden. Die politische Arbeit wurde danach trotz zunehmenden Terrors, von Sozialdemokraten und Kommunisten fortgesetzt.
Die Zusammenkünfte wurden nach Feierabend auf dem Nachhauseweg verabredet und als Spaziergänge getarnt, ... fortgeführt.
... Am 3. Juli 1933 wurde morgens das ganze Betriebsgelände der MIAG von SA und SS umstellt. Um den Widerstand der Belegschaft zu brechen, wurden vom Arbeitsplatz weg Sozialdemokraten, Kommunisten und Parteilose verhaftet. ... Ungewaschen wurden wir gleich in die auf dem Hof wartende „grüne Minna“ gestoßen und zur AOK gebracht.“Soweit der Bericht des gewerkschaftlichen Vertrauensmannes der MIAG.
SS-ÜBERFALL AUF EICHTAL
Ursache der Verhaftung der 16 Arbeiter von der MIAG waren die Ereignisse in der Nacht vom 29./30. Juni 1933 im Wohngebiet Eichtal.
Am Abend des 29.06.1933, in der Zeit um 23 Uhr, besetzte ein SS-Sturm die Eichtalstraße sowie alle zu dieser Straße führenden Zu- und Ausgänge. Ein Einwohner der Eichtalstraße erklärte dazu:
„Als ich am 29.06.1933 gegen 23 Uhr mit meiner Frau nach Hause kam, mußten wir einige SS-Posten passieren. Vor dem Doppelhaus in der Eichtalstraße 4 und 4a hielt ein PKW, aus dem SS-Gruppenführer Jeckeln stieg. Ein SS-Scharführer machte Jeckeln Meldung. Diese konnte ich nicht verstehen, aber im Vorgehen vernahm ich die Antwort von Jeckeln, der sagte: ‘Dann werden wir hier einmal gründlich aufräumen‘.“ Soweit die Angaben des Einwohners der Eichtalstraße.
Nach der Abriegelung der Eichtalstraße begab sich ein Sonderkommando der SS in das in der Eichtalstraße gelegene Gasthaus Ebeling, um eine Hausdurchsuchung vorzunehmen. In der Gaststätte waren der Wirt und seine Frau. Von ihnen wurde verlangt, die versteckten kommunistischen Druckschriften und Kommunisten auszuliefern. Die Aussage des Ehepaares, daß sie keine Kommunisten und Druckschriften versteckt hätten, fand bei den SS-Leuten keinen Glauben. Sie durchsuchten die Gaststätte und Wohnung der Wirtsleute. Gefunden wurde nichts. Danach verließ die SS das Grundstück. Einige gingen aus der Gaststätte zur Straße, die anderen nach hinten aus dem Hoftor. Diese durchsuchten noch die anliegenden Häuser. Als diese Abteilung über den heutigen Gartenkamp zurückkehrte, wurde sie von den auf der Eichtalstraße stehenden SS-Hilfspolizisten angeblich für Kommunisten gehalten und mit Pistolen beschossen. Es entwickelte sich eine gegenseitige Schießerei, in deren Verlauf der SS-Mann Landmann durch Kopfschuss getötet wurde. Nur durch den Ruf eines SS-Mannes „Landmann ist getroffen“, fand diese Schießerei ein Ende.
Einwohner der Eichtalstraße haben diesen Sachverhalt gesehen und genau beobachtet und erklärt, daß die auf der Eichtalstraße stehenden SS-Männer die ersten Schüsse abgegeben haben.
Nicht nur diese Tatsache, sondern auch die durch SS-Gruppenführer Jeckeln am Tatort zusammengestellte Untersuchungskommission beweist die Tötung des SS-Mannes Landmann durch die SS. Nach flüchtiger Einsicht stellte Jeckeln und seine Kommission fest, kommunistische Elemente haben Landmann hinterrücks erschossen. Der nun am Tatort eintreffenden Mordkommission der Kriminalpolizei Braunschweig untersagte Jeckeln die Aufnahme ihrer Tätigkeit und erklärte, der Mord an Landmann sei Sache der SS-Untersuchungskommission. Als Täter kämen nur Kommunisten in Frage, die Fahndung nach den Tätern liefe bereits. Die Mordkommission mußte, durch Jeckeln ausgeschaltet, den Tatort verlassen.
Jeckeln war nach dem Reichstagsbrand durch Ministerpräsident Klagges als Leiter des Landespolizeiamtes ernannt worden. Er nutzte hier sein Amt bewußt aus zur Verschleierung eines Mordes.
Wenn es wirklich Mörder gab, dann wäre ihm bei der Verfolgung der Täter die Erfahrung der Mordkommission nützlicher gewesen, als die unerfahrenen, nur als Terrorpolizei einzusetzende SA- und SS-Hilfspolizei.
Warum musste die Mordkommission abrücken?
Jeckeln befürchtete, dass die Mordkommission die Schießerei rekonstruieren würde. Jeckeln setzte voraus, daß die Mordkommission herausbekommen hätte, wie und wo Landmann die Kugel traf, ob von vorn oder von hinten. Drüber ist nie etwas verlautet worden.Durch das Fortschicken der Mordkommission konnte auch Jeckeln die gesamte Vernehmung der SS durch die Mordkommission verhindern.
Die Braunschweiger Tageszeitung, Zeitung der NSDAP, verkündet am Sonnabend, 1. Juli 1933 ihre „Wahrheit“ über den Mord an Landmann
Quelle: Stadtarchiv Braunschweig

Für die Bewohner begannen auf Jeckelns Befehl
DIE SCHRECKENSTAGE IM EICHTAL.
Durch SA-Trupps in der Stärke von 4-6 Mann wurden die Wohnungen durchsucht, männliche Personen festgenommen und unter Prügeln und Fußtritten in die Keller durch Hauseigentümer Reichel und Kükenik getrieben und hier brutalen Verhören ausgesetzt. Als die Keller voll waren, trieb man die männlichen und jugendlichen Bewohner auf einer nicht bebauten Straße zusammen. Politisch Organisierte wurden sofort auf LKW’s in die Allgemeine Ortskrankenkasse gebracht, darunter auch das spätere Rieseberg-Opfer Alfred Staats.
Eine Gruppe von SS- und SA-Hilfspolizisten begab sich in das Wohnhaus Kreuzkampstraße 32, um den dort wohnenden Betriebsratsvorsitzenden der MIAG, Hermann Behme, zu verhaften.
Hermann Behme wurde unter Schlägen zu einem PKW getrieben und sofort von allen anderen Festgenommenen isoliert, in die AOK gebracht.
Bis zur Beisetzung von Landmann ordnete Jeckeln die ständige Besetzung des Wohngebietes durch SA-Hilfspolizisten an. Alle Wohnungsinhaber mußten die Nazifahne mit Trauerflor heraushängen und alle Passanten, die an einem Uniformierten – SS oder SA-Mann – vorbeigingen, die Hand zum sogenannten „Deutschen Gruß“ erheben. Aus den übrigen Stadtteilen Braunschweigs wurden organisierte Gruppen von SS- und SA- Mitgliedern und Frauenschaft in das Eichtal gebracht, die zu offener Gewalt gegen die Bewohner des Eichtals mit Sprechchören wie „Schlagt sie tot“, „Brennt die Straßen ab“, die Bewohner tagelang in Angst und Schrecken hielten.
Nicht nur im Eichtal, sondern auch in der gesamten Stadt Braunschweig wurden in der Nacht nach der Tötung Landmanns Massenverhaftungen fortschrittlicher Gewerkschafter aus braunschweiger Betrieben fortgesetzt.
FOLTERKELLER AOK
Über ihr Schicksal und das seiner Kollegen aus der MIAG berichtet der Schlosser Paul Wunder weiter: „Nach unserem Eintreffen in der AOK wurden wir vor dem hinteren Eingang aus dem Wagen gezerrt und durch eine Gasse von SA-Männern die Treppe hinaufgeprügelt. In einem größeren Raum im 1. Stock begann nun ein wildes Schlagen mit Fäusten und Gummiknüppeln, treten und gemeinem Schimpfen. Alles vollzog sich von nun an im Laufen und Schlagen. Hosenträger, Messer, Angabe der Funktion und Personalien wurden uns abverlangt.
In diesem Raum waren wir noch einmal mit dem bereits verhafteten Betriebsratsvorsitzenden Hermann Behme und anderen Genossen zusammen. Ständig kamen dann Neuverhaftete einzeln und zu mehreren in die AOK. Sie wurden in den Raum geprügelt. In den Abendstunden wurden wir dann unter Schlägen in den Keller getrieben.
Wir mußten uns mit dem Rücken an der Wand auf den Kellerboden setzen. Eine Gruppe von 10 oder 12 Mann, die schon vor den MIAG-Kollegen verhaftet waren, darunter Hermann Behme, Hans Grimminger, Walter Römling und Willi Steinfaß, wurden in der Mitte des nur schwach beleuchteten Kellers in einem Holzverschlag gehalten und mußten unter ständigem Singen des Liedes „Das Wandern ist des Müllers Lust“, die ganze Nacht marschieren.
Ständig kamen SA-Hilfspolizisten, suchten unter den Verhafteten nach Bekannten, mit denen sie in der Zeit vor der Machtübernahme Differenzen hatten, und setzten die Prügeleien und Mißhandlungen fort.
Am 4.7.1933 morgens, wurden wir in den helleren Vorraum unter dem Haupteingang der AOK gestoßen und geprügelt, wo auf einem Podest die ganze Prominenz von Partei und SS des Landes und der Stadt jeden Verhafteten einzeln aus der Gruppe vortreten ließen. Dieser wurde nach Namen, Alter und Parteizugehörigkeit gefragt, sowie welche Funktionen in der Partei. Das Tribunal entschied dann einfach nach links oder nach rechts, somit war alles entschieden. Die nach rechts herausgetretenen Männer haben wir niemals wieder gesehen. Sie wurden unter ständigem prügeln hinausgeführt. Hermann Behme, der schon nicht mehr laufen konnte, wurde von zwei Genossen gestützt.
Der 4. Juli war der Beerdigungstag von Landmann und den ganzen Nachmittag mußten wir stehen in „Stillgestandhaltung“ unter Schmähungen und Schlägen, wenn man wackelte, wurde man gequält. Am anderen Morgen mußten wir in dem Keller antreten und der Kommandant der SA-Schutzpolizei, Sturmbannführer Gattermann, erklärt uns, dass anlässlich der Beerdigung von Landmann 10 Mann erschossen würden und wir sollten uns keine Illusionen machen, wenn noch etwas passieren würde, kämen wir hier nicht mehr lebend heraus.
Am vierten Tag bekamen wir das von unseren Frauen gebrachte Mittagessen zum ersten Mal ausgeliefert, und für vier Mann einen Strohsack.
Nach 10 oder 12 Tagen kamen wir in das Erdgeschoss zur Oker hin und konnten eine halbe Stunde auf den Hof.
Nun begann die Vernehmung jedes Einzelnen, verbunden mit den üblichen Schlägen und Foltern. Erfreulicherweise stellte es sich heraus, daß kaum einer den anderen belastet hatte. So vergingen dann die Juliwochen und am 27./28.7. tagte in der AOK das Sondergericht und verhängte nach der einmonatigen Schutzhaft dann Strafen je nach Parteizugehörigkeit von einem Monat bis zu eineinhalb Jahren, für alle anderen für Beihilfe zum Hochverrat zwei Monate Gefängnis. Die sozialdemokratischen Genossen bekamen 6 Wochen, die Parteilosen einen Monat Gefängnis.
Wir von der MIAG wurden dann am Abend des 27.7. in das Gefängnis Rennelberg gebracht, wo wir unsere Strafe verbüßten. Nach Beendigung der Strafe wurden wir bei der MIAG entlassen und waren arbeitslos.
Nach unserer Entlassung erfuhren wir dann die ganze Wahrheit über den grausamen Terror der SS-Faschisten und das Verbrechen der Ermordung der MIAG-Arbeiter in Rieseberg.“
Die Braunschweiger Tageszeitung, Zeitung der NSDAP, teilt am 4. Juli 1933 „amtlich“ mit, wie die Trauerfeier für den SS-Mann Landmann im Dom, der Trauerzug ab Dom und die Beerdigung zu erfolgen haben:
Quelle: Stadtarchiv Braunschweig
RIESEBERG-MORD
Nachdem die 10 Arbeiter auf Anordnung des Tribunals ausgesondert und mit einem LKW zu dem gewerkschaftseigenen Heim, dem Pappelhof bei Rieseberg gefahren waren, wurden sie dort dem Kommando der SS und SA-Hilfspolizei übergeben.
Am Abend des gleichen Tages saßen in dem Verkehrslokal der braunschweiger Nazigrößen, der „Hagenschänke“, die Tribunalteilnehmer aus der AOK, SS-Obergruppenführer Jeckeln, SA- Sturmbannführer und Führer der SA-Hilfspolizei Gattermann, der spätere Oberbürgermeister der Stadt Braunschweig, Hesse, sowie der Oberstaatsanwalt Rasche, gut gelaunt zechend zusammen. Hier wurde ihnen die Meldung überbracht, im Pappelhof bei Rieseberg liegen zehn erschossene Kommunisten. Die Mordkommission des Amtsgerichts Königslutter sei schon am Tatort. Oberstaatsanwalt Rasche begab sich daraufhin als Leiter der Mordkommission Braunschweig nach Rieseberg – Pappelhof – um die für Rieseberg zuständige Mordkommission auszuschalten. Die braunschweiger Nazigrößen wollten für sich jede Schwierigkeit des zehnfachen Mordes durch die SS und SA-Hilfspolizei ausschalten. Rasche bot ihnen dafür die beste Sicherheit.
Amtsgerichtsrat Eickhoff, Königslutter, bestand jedoch auf der Zuständigkeit der Mordkommission Königslutter. Ein von ihm erstellter Bericht über die von ihm vorgefundenen Tatbestände wurde der Nazi-Regierung in Braunschweig zugeleitet. In der Erfassungsstelle für Mord- und Gewaltverbrechen in der Staatsanwaltschaft Braunschweig ist weder eine Akte noch der Bericht von Amtsgerichtsrat Eickhoff vorgefunden worden.
Von der Pressestelle der Klagges-Regierung wurde nur bekanntgegeben, nach Aussage von Klagges: „In Rieseberg wurden 10 in Sonderhaft befindliche Häftlinge durch unbekannte, maskierte Männer erschossen“.
Diese Ausrede Klagges‘ steht jedoch im krassen Widerspruch zu dem Erlebnisbericht der in der AOK inhaftierten MIAG-Arbeiter, die aus dem Mund des SA-Sturmbannführers Gattermann hörten, daß anlässlich der Beerdigung von Landmann 10 Mann erschossen worden sind. Macht euch keine Illusionen, wenn noch etwas geschieht, kommt hier keiner mehr lebend heraus, also die bekannte These: 1:10.

Zehn zu Tode gefolterte Gewerkschafter aus braunschweiger Betrieben sollten der Nazi- Regierung die Gewähr geben, daß in den Betrieben jeder Widerstand gebrochen und der Arbeitsfriede für ihre größenwahnsinnigen Ziele im Interesse des Großkapitals gesichert war.
Dieses Gewaltverbrechen löste in der braunschweiger Arbeiterschaft größte Empörung aus: die Opfer dieser Blutnacht waren nicht nur die Ermordeten, sondern auch die Familienangehörigen die mittellos in der Nazi-Barbarei zurückblieben.

Für die große Solidarität der Bevölkerung zeugt die Arbeit einer Widerstandsgruppe braunschweiger Antifaschisten, die am Jahrestag der Ermordung 1934 einen Kranz mit roter Schleife und Blumen in Rieseberg niederlegten, anschließend die Grabstelle fotografierten und dieses Foto in großer Anzahl zur Unterstützung der Familienangehörigen der Erschossenen in Solidaritätsaktionen vertrieben.
Die Solidarität setzt sich jedes Jahr fort in dem Rieseberg-Gedenktag braunschweiger Antifaschisten und der Gewerkschaften, die am Tage der Ermordung an der gemeinsamen Ruhestätte auf dem braunschweiger Hauptfriedhof Kränze niederlegen.
Vor über 50 Jahren formulierten die Kameradinnen und Kameraden der Geschichtskommission:
Unser Leitspruch muß sein:
O Erhalt des Grundgesetzes
O Erweiterung der demokratischen und sozialen Rechte
O Mehr Demokratie
O Nie wieder Faschismus
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Der Leitspruch der Kameradinnen und Kameraden ist Auftrag für uns, den wir angesichts der realen Aufrüstung und Kriegsvorbereitungen ergänzen:
O Nie wieder Krieg – verbindliche Umsetzung des Art. 20 GG durch Einrichtung eines Sondervermögens
O Schulische Erziehung zum Frieden
O Überwindung von struktureller Menschenfeindlichkeit (Rassismus etc.)
O für eine solidarische Gesellschaft
Die Opfer mahnen uns: „Lasst es nie wieder zu!“
Die Lehren, die zu ziehen sind: keine Spaltung zuzulassen, sondern die Einheit der Arbeiterklasse zu organisieren, gemeinsam im Bündnis mit allen, die sich dem Antifaschismus, der friedlichen Entwicklung des Landes und dem Fortschritt verpflichtet fühlen.
NIE WIEDER FASCHISMUS – NIE WIEDER KRIEG!
Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes / Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten,
- Kreisvereinigung Braunschweig -

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